Gedanke zum Tag: Gesund

"Bleiben Sie gesund!"
Das scheint in den letzten Tagen die allgemein übliche Verabschiedungsformel geworden zu sein. An sich etwas Schönes: Wir wünschen damit einander etwas Gutes. Trotzdem fühlt sich das für mich komisch an. Und wenn ich darüber nachdenke, dann fallen mir auch mehrere Gründe dafür ein:

Wenn wir uns mit diesen Worten bei jeder Verabschiedung gegenseitig auf die Sorge um die Gesundheit aufmerksam machen, dann machen wir damit diese Sorge noch größer, als sie ohnehin ist. Man kann Probleme eben auch dadurch größer machen, indem man sich dauernd mit ihnen beschäftigt und sie so füttert. Das ist so ein bißchen wie mit dem Kaninchen und der Schlange.

Ein damit verbundenes Unbehagen habe ich übrigens schon lange. "Hauptsache gesund" - das höre ich als Pfarrer in Gesprächen mit anderen sehr, sehr oft. Natürlich ist gesund sein wichtig und schön und krank sein ist einfach blöd, da hat man oft keine Freude mehr am Leben. Aber ich kenne kerngesunde Menschen, die sind todunglücklich und unzufrieden. Und ich kenne schwerkranke Menschen, die sind sehr glücklich und zufrieden. Das bringt mich dazu zu sagen: Gesund sein ist wichtig, es ist schön - aber es ist nicht die Hauptsache. Jesus war anscheindend auch dieser Meinung: Als ihm einmal ein gelähmter Mensch gebracht wurde, da heilte er zuerst einmal dessen Gottesbeziehung, indem er alles wegnahm, was zwischen ihm und Gott stand. Um seine Gesundheit kümmerte er sich dann zwar auch, aber eher nur nebensächlich, um dadurch zu beweisen, dass er die Vollmacht hat, Vergebung zuzusprechen (nachzulesen im Markusevangelium, Kapitel 2).

Und wie viele Menschen gibt es, die durch eine Krankheit zum Umdenken gekommen sind? Die dadurch ihren Lebensstil, ihre Gewohnheiten, ihre Prioritäten überprüft und dann auch oft heilsam verändert haben? Und wie viele Menschen gibt es, die eine Not gebraucht haben, um überhaupt mal nach Gott zu fragen? Die ihn dadurch auch gefunden haben und dann sogar dankbar geworden sind für die Not, die das alles ausgelöst hat? Wären sie gesund geblieben, dann hätte es diese heilsamen Lebensveränderungen vermutlich nicht gegeben. 

Nein, "bleiben Sie gesund" - das werden nicht meine Worte, wenn ich mich verabschiede. Vielleicht: "Ihnen alles Gute" oder "Behüte Sie Gott"?